Leitgedanken - Lernsituation

1. Vorbemerkung

Im Vergleich zum herkömmlichen Unterricht bietet das Konzept der Jahrgangsmischung zum einen die Möglichkeit, den individuellen Fähigkeiten der einzelnen Kinder in besonderem Maße Rechnung zu tragen, sodass leistungsschwache und leistungsstarke Schüler besser gefördert werden können. Zum anderen ergibt sich aufgrund der außergewöhnlichen Lernsituation die Notwenigkeit, selbstständig und eigenverantwortlich zu lernen, sich gegenseitig zu helfen und verstärkt miteinander zu kommunizieren. Dadurch wird die Entwicklung der sozialen und kommunikativen Kompetenzen sowie die Fähigkeit zum selbstorganisierten Lernen verstärkt vorangetrieben. Zudem können aufgrund der besonderen Klassenzusammensetzung Ängste und Frustrationen abgefangen und mehr positive Selbsterfahrungen möglich gemacht werden, was in einer jahrgangsreinen Klasse leider nicht immer gelingt.


Die zuletzt genannten Aspekte stellen die Leitgedanken der Jahrgangsmischung an der Dr.- Theo-Schöller-Schule dar. Im Folgenden werden diese weiter konkretisiert und das Lernen in der Jahrgangsmischung dargestellt.

  

2. Leitgedanken der Jahrgangsmischung


Lernen als zusätzliches Erfahrungsfeld zur Schulung von Teamfähigkeit sowie von sozialen und kommunikativen Kompetenzen

miteinander sprechen, sich gegenseitig anregen und helfen als Unterrichtsprinzip

Zeit zum spontanen Meinungsaustausch, sich besprechen, erklären, von sich ausfragen, Ratschläge und Hilfen von anderen Kindern annehmen, stille Partner aktivieren und ermuntern, Gesprächsbereitschaft und Interesse signalisieren, respektvoll miteinander umgehen

sich auf verschiedene Partner einlassen, Toleranz entwickeln, Vorurteile abbauen

wechselnde Lern-, Gesprächs- und Sitzpartner, Wechsel der Lernhelfer => zufällige Partnerbildung, freie Partnerwahl oder vorgegebene Partnereinteilung

Verantwortung für andere übernehmen, sich für andere zuständig fühlen, Hilfe von sich aus anbieten

wechselnd „Kleiner“ oder „Großer“ sein, sich über- oder unterordnen, Mitschüler als kompetente Helfer akzeptieren (erst die Mitschüler und dann den Lehrer fragen)

auf andere bzw. die andere Lerngruppe Rücksicht nehmen

gegenseitige Wertschätzung erfahren und erhalten (gegenseitige Anteilnahme an jahrgangsinternen Lernprozessen, kleine Präsentationen füreinander vorbereiten => die eigene Klasse als Publikum

 

Förderung der Selbstkompetenz durch eigenverantwortliches und selbstgesteuertes Lernen

selbstständiges und eigenverantwortliches Lernen trainieren (Lernphasen selbst steuern, nach einem Plan vorgehen, Arbeitsaufträge zunehmend selbstständig erfassen, bei Bedarf aus eigenem Antrieb nachfragen, üben mit Selbstkontrolle)

Vertrauen in eigene Fähigkeit entwickeln und mit Unsicherheiten souverän umgehen (Mut zum Fehler, ehrlicher und gelassener Umgang mit Fehlern)

Individualität durch Offenheit (reduziertere Vorgaben, Zusatzangebote frei wählen, eigene Entscheidungen treffen)

Lernprozesse reflektieren (sich selbst einschätzen, das eigene Lernverhalten und das des Partners bewerten, Missfallen, Anerkennung und evtl. Vorsätze äußeren
  


Emotionale Stabilität und besondere Erfolgserlebnisse

schnelles Einleben in den Schulalltag durch Nachahmung und die besondere Betreuung durch die erfahrenen Zweitklässler (Patenschaften)

kein Wechsel in eine fremde Klasse bei Wiederholung der Jahrgangsstufe

Stärkung des Selbstwertgefühls durch die Übernahme besonderer Aufgaben (Patenschaften, Lernhelfer), den Könnensvorsprung der Zweitklässler gegenüber den Erstklässlern (insbesondere für leistungsschwache Kinder enorm wertvoll sehr intensiv erlebte Erfolge (wenn Erstklässler Zweitklassaufgaben meistern) => Förderung von Wohlbefinden und Schulfreude

geringere Gefahr „Außenseiter“ zu werden und zu bleiben, da sich die Klassenzusammensetzung mehrmals ändert
=> Chance auf neue Freunde     

  

Potentiale wecken und nutzen

verschiedenem Können vor allem zu Schuljahresbeginn gerecht werden, Unterforderung vermeiden

„Zugpferd – Effekt“ (Ansporn durch die Älteren)

Lernen voneinander

geistige Anregungen bieten

  

3. Lernen in der Jahrgangsmischung

Allgemeines zum Stundenplan

pro Woche 5 Einzelstunden nur für die Erstklässler, 4 + 1 (Sport) Einzelstunden nur für die Zweitklässler
=> Erarbeitung von Inhalten der Fächer Deutsch und Mathematik

gemeinsamer Unterricht für die Fächer Musik, Kunst, Sport und HSU (hier werden 
die Lehrplaninhalte beider Jahrgangsstufen auf zwei Jahre verteilt

zusätzlich Verknüpfung geeigneter Inhalte aus den Fächern Mathematik und Deutsch im Rahmen gemeinsamer Unterrichtsstunden mit passender Differenzierung


Umsetzung gemeinsamen Unterrichts mit zwei Jahrgangsstufen

Wochenplanarbeit : 
Die Schüler erhalten unterschiedliche Arbeitspläne und bearbeiten die einzelnen Aufgaben nach beliebiger Reihenfolge. Schwerpunktmäßig wird hier geübt, aber auch, dort wo es sich anbietet, aktiv entdeckendes Lernen durchgeführt. Sinnvolle Zusatzangebote, die frei gewählt werden können, ermöglichen es schnelleren Kindern, einzelne Themen zu vertiefen oder gemäß eigener Vorlieben zu entscheiden.

Lernhelferaufgaben
Die Zweitklässler übernehmen aufgrund ihres Könnensvorsprungs die Rolle des Erklärers und Betreuers, sind aber auch gleichzeitig Lernende. Hierfür eignen sich vor allem Inhalte, die in der ersten Klasse erstmalig zu erarbeiten und in der zweiten Klasse zu wiederholen sind. Es bietet sich aber auch an, neu eingeführten Lernstoff der zweiten Klasse auf diese Weise zu vertiefen, wobei in diesem Fall die Erstklässler früher als sonst damit konfrontiert werden. Auf die hier gemachten Vorerfahrungen kann dann im nächsten Schuljahr gegebenenfalls zurückgegriffen und aufgebaut werden.

Abgetrennter Unterricht: 
Während der Lehrer im Kreis mit einer Jahrgangsstufe leise im Sitzkreis arbeitet, erhält die zweite Gruppe eine stille Beschäftigung am Platz, die bereits eingeschult oder vorab erklärt worden ist. 



Besondere Lernsysteme und Angebote

Leseorder für Klasse 1 und 2
Lesetraining anhand differenzierter Leseaufgaben, die gemäß des individuellen Könnens und Lesetempos bearbeitet werden können

Lerntheke zur Arbeit am Grundwortschatz für das Rechtschreibtraining in Klasse 2:
selbstständiges Üben der aktuellen Lernwörter an eingeschulten Übungsaufgaben

Profiaufgaben in Mathematik
noch nicht geübte Aufgaben für besonders lerneifrige und leistungsstärkere Kinder, die mit Hilfe von Beispielen, Tipps und Kombinationsvermögen selbstständig gelöst werden können

Forscheraufträge...
zu einfacheren Inhalten, welche vor der gemeinsamen Besprechung im Sinn selbstentdeckendes Lernens bearbeitet werden. So hat der Schüler die Möglichkeit sich mit dem Lernstoff zunächst ohne den Lehrer zu beschäftigen, um zu versuchen sich Wissen selbst anzueignen

Extratheke: 
verschiedene Lernspiele und Übungsmaterialien, die jederzeit zugänglich sind und in Freiräumen nach Lust und Laune genutzt werden können


4. Schlussbemerkung

Es ist eine Freude mit anzusehen, wie die Kinder im zweiten Jahr der Jahrgangsmischung ihre Patenrolle stolz ausüben, automatisch helfen und selbstbewusst nötige Anordnungen geben. Zudem erstaunt oft ihr Vorwissen, welches sie sich als Erstklässler durch das gemeinsame Lernen mit den „Großen“ angeeignet haben.

Christine Lindner